Kommuniqué zur beabsichtigten Google/Yahoo-Vereinbarung

 

 

Seit über 60 Jahren setzt sich der Weltverband der Zeitungen [World Association of Newspapers; W.A.N.] energisch für die Pressefreiheit ein. Seit seinen Anfängen hat W.A.N. erkannt, dass Zeitungsjournalismus nur dann wirklich frei sein kann, wenn die Zeitungsverlage wirtschaftlich unabhängig sind. Dies bedeutet die Sicherstellung der Freiheit zu entscheiden, welche Nachrichten veröffentlich werden, wo sie veröffentlicht werden sowie die Fähigkeit zum Aufbau eines anhaltend rentablen Geschäfts. Mit den Bemühungen der Zeitungsverlage, sich an das Internet anzupassen, ist ihre Unabhängigkeit zunehmend von ihrer Fähigkeit abhängig, Nachrichten über Online-Werbung zu Geld zu machen.

 

In diesem Bestreben ist ein Unternehmen - Google - als bedeutende Marktmacht für Online-Werbung hervorgegangen. Wirtschaftlich ist es fast mit Morphium zu vergleichen. Google hat in 10 Jahren ein sehr beeindruckendes Geschäft aufgebaut, Milliarden von Dollar mit der Erstellung von Verzeichnissen und Verknüpfung von Online-Inhalt generiert und dann durch die eigenen Google-Anzeigen davon profitiert. Von den beeindruckenden 48 Milliarden US-Dollar an Online-Werbeeinnahmen, die Google seit 2001 angehäuft hat, ging jedoch weniger als ein Drittel zurück an die Online-Verlage (1), und ein noch kleinerer Bruchteil kam der Nachrichtenbranche und den Inhalt schöpfenden Branchen zugute. Daher sind sich die meisten Verlage absolut darüber im Klaren, dass der ständig enger werdende Griff, den Google auf den Internet-Datenverkehr ausübt, seine ungezügelte Verwendung von Online-Inhalten und seine Dominanz innerhalb der Online-Werbung eine echte Bedrohung für das Überleben der unabhängigen, Inhalte generierenden Branche darstellt.

Es sollte hervorgehoben werden, dass die meisten der 18.000 Zeitungen, die W.A.N.-Mitglieder sind, regelmäßige Kunden von Google (und, in geringerem Umfang, von Yahoo) sind. Diese Verlage sind für einen bedeutenden Teil ihrer Online-Werbeeinnahmen von Google (und Yahoo) abhängig und darauf angewiesen, dass die jeweiligen Suchmaschinen der beiden Unternehmen (sowohl ihre bezahlten Suchmaschinen-Anzeigen als auch ihre natürlich generierten Suchergebnisse) die Frequentierung ihrer Websites antreiben. Bisher hat der Wettbewerb zwischen diesen beiden Suchmaschinen-Unternehmen als erforderlicher Dämpfer für mögliche Marktmissbräuche gedient und sichergestellt, dass Verlage und Inhaltsschöpfer in der Lage waren, angemessene und faire Erträge aus ihren Inhalten zu erzielen.

In diesem Zusammenhang glaubt W.A.N., dass der derzeit bestehende Wettbewerb zwischen Google und Yahoo absolut notwendig ist um zu gewährleisten, dass unsere Mitgliedszeitungen wettbewerbsgerechte Erträge für Online-Werbung auf ihren Websites erhalten, und um beim Kauf bezahlter Suchmaschinen-Werbung wettbewerbsgerechte Preise zu erzielen. Wir sind der Meinung, dass die beabsichtigte Werbevereinbarung zwischen Google und Yahoo diesen Wettbewerb schwerwiegend schwächen und zu weniger Erträgen und höheren Preisen für unsere Mitglieder führen würde. Darüber hinaus befürchtet W.A.N., dass diese Vereinbarung zur unberechtigten Marktbeherrschung wichtiger Segmente der Online-Werbung durch Google führen wird.

Zwar haben Google und Yahoo erklärt, dass die beabsichtigte Vereinbarung auf Nordamerika beschränkt sein wird, jedoch ist W.A.N. der Meinung, dass die Vereinbarung bedeutende und nachteilige Auswirkungen auf alle Zeitungsverlage weltweit haben wird, da Yahoo der Leistungsanreiz für einen energischen Wettbewerb gegen Google rund um den Globus genommen würde.

W.A.N. spricht sich gegen diese Tatsache aus und lehnt den Versuch von Google zur Übernahme eines Teils des Content- und Syndicated-Suchmaschinen-Werbegeschäfts von Yahoo vehement ab. Google beherrscht bereits beide Geschäfte substanziell, und seine Marktdominanz nimmt täglich zu. Yahoo ist der wichtigste Konkurrent von Google im Bereich der Syndicated-Werbeanzeigen (und sollte dies auch weiterhin bleiben) sowie sein einziger Konkurrent bei der Content-Werbung (und sollte dies ebenfalls weiterhin bleiben).

Die Google/Yahoo-Vereinbarung stellt eine enorme Bedrohung der weiteren wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Zeitungsverlagswesens dar und sollte gestoppt werden. Die Vereinbarung wird sich auf mindestens drei Bereiche auswirken.

1. Weniger Wettbewerb bedeutet weniger Einnahmen

Zum einen bedeutet die Google/Yahoo-Vereinbarung weniger Einnahmen für die Zeitungen. Google und Yahoo sind die derzeit führenden Anbieter von Content-Werbeanzeigen und Syndicated-Suchmaschinen-Werbeanzeigen für Online-Nachrichten-Sites, und sie wetteifern enorm um dieses Geschäft. Dieser Wettbewerb zwingt jedes Unternehmen, die bestmöglichen Bedingungen anzubieten, und er hilft sicherzustellen, dass die Zeitungen faire Markterträge für das Recht der Darstellung von Anzeigen und Suchfeldern auf ihren Sites erhalten.

Die beabsichtigte Vereinbarung wird Yahoo als Mitbewerber für diese Geschäfte auf verheerende Weise schwächen. Die Werbetreibenden werden zunehmend zu Google abwandern, da sie schrumpfende Preisvorteile im Vergleich zur Werbung bei Yahoo sehen. Die Anzahl der eigenen Werbeanzeigen, die Yahoo verwalten muss, wird gemindert, was dem Unternehmen die Möglichkeit nimmt, günstigere Geschäfte als Google anbieten zu können. Dieses Problem wird mit der Zeit wachsen, da sich Google - in einer deutlichen Zurschaustellung seiner wahren Absichten - geweigert hat, Yahoo die Darstellung von Google-Anzeigen auf den Websites neuer Verlagspartner, die nach Abschluss der Vereinbarung übernommen werden, zu gestatten. Anders ausgedrückt: Google hat eine Bedingung aufgestellt, die die letzten verbleibenden Chancen von Yahoo für einen Wettbewerb mit Google zunichte macht.

Dies bedeutet für die Zeitungen, dass die Yahoo-Preisangebote für ihr Werbegeschäft mit ziemlicher Sicherheit niedriger als heute sein werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Google wertvolle Insider-Kenntnisse über das Yahoo-Anzeigengeschäft erlangen. Solche Kenntnisse werden das Unternehmen in eine wesentlich stärkere Position versetzen, um das „beste“ Preisangebot von Yahoo für solche Geschäfte vorauszusagen, so dass Google seine Preisangebote knapp unter diesen Beträgen abgeben kann.

2. Weniger Wettbewerb bedeutet höhere Kosten

Die Google/Yahoo-Vereinbarung wird außerdem die Zeitungen dazu zwingen, mehr zu zahlen, um Leser anzuziehen. In der Realität sieht es so aus, dass ein Großteil der Besuche auf den meisten Websites von Online-Zeitungen von derartigen bezahlten Suchmaschinen oder natürlich generierten Ergebnissen von Suchmaschinen stammt. Aus diesem Grund ist Wettbewerb innerhalb der Suchmaschinen für die Zeitungen von größter Bedeutung, da hiermit gewährleistet wird, dass keine Suchmaschine Monopolpreise für bezahlte Suchmaschinen-Anzeigen festlegt, und um zu verhindern, dass Suchmaschinen das Internet-Verhalten der Benutzer durch nicht bezahlte Suchergebnisse manipulieren. Die beabsichtigte Google/Yahoo-Vereinbarung ist in beiden Punkten eine schlechte Nachricht für die Zeitungsverlage.

Im Hinblick auf bezahlte Suchmaschinen-Anzeigen ist die Vereinbarung im Prinzip eine Vereinbarung von Festpreisen. Laut Branchenschätzungen verlangt Google derzeit für die gleiche Suchmaschinen-Anzeige durchschnittlich zwischen 20 und 35 Prozent mehr als Yahoo. Zeitungen, die derzeit Werbeanzeigen bei Yahoo buchen, um Leser anzuziehen, werden zukünftig gezwungen sein, die gleichen Anzeigen für einen wesentlich höheren Preis bei Google zu buchen. Laut einer kürzlich durchgeführten Studie würden bei einer Vereinbarung die Preise bei Yahoo um durchschnittlich 22 Prozent ansteigen (2).

Daneben stellt die Vereinbarung eine langfristige Bedrohung für die Fähigkeit der Zeitungen dar, Leser durch natürlich generierte Suchergebnisse anzuziehen. Der derzeitige Wettbewerb zwischen den Suchmaschinen schränkt ihre Fähigkeiten zur Manipulation von Suchergebnissen ein. In dem Umfang, in dem die Vereinbarung Yahoo als Mitbewerber schwächt, festigt die Vereinbarung den eisernen Griff, den Google auf das Suchmaschinengeschäft ausübt, während Google gleichzeitig seine eigenen Content-Geschäfte wie Knol ausweitet. Mit seinem stärker werdenden Monopol-Griff wird Google größere Anreize zur Bevorzugung der eigenen Website und der seiner Partner-Websites bieten und Benutzer von konkurrierenden Websites weglocken. Die Zeitungen werden dann noch mehr auf bezahlte Suchmaschinen-Anzeigen angewiesen sein, um Leser zu werben, und diese Anzeigen werden aufgrund der Vereinbarung noch teurer sein.

3. Weniger Wettbewerb bedeutet noch größere Abhängigkeit von Google

Das Fazit ist, dass die Vereinbarung die Zeitungen zwangsweise noch abhängiger von Google machen, als sie es bereits sind. Durch die Übergabe der Kontrolle von über 90 Prozent der bezahlten Suchmaschinen- und Content-Anzeigen an Google wird das Unternehmen eine enorme Macht auf die Fähigkeit der Zeitungen ausüben, Leser zu erreichen und Online-Werbeeinnahmen zu generieren. Mit Ausnahme bestimmter staatlich gesteuerter Medien hat nie zuvor in der Geschichte des Zeitungsverlagswesens eine einzelne Entität in einem solchen Umfang Macht auf das Schicksal der Presse ausgeübt.

Besonders besorgniserregend ist, dass diese Machtverschmelzung zu einer Zeit stattfindet, in der Google zunehmend Positionen einnimmt, die den Interessen der Zeitungen und anderen Inhaltsschöpfern widersprechen. Google besitzt bereits mehrere Content-Websites, die direkt mit den Inhalten von Zeitungen und anderen Produzenten konkurrieren, wobei häufig lediglich die Inhalte anderer ohne Genehmigung kopiert werden. Gewöhnlich profitiert nur Google von solchen Veruntreuungen. Als Beispiel soll hier der Fall von Google News dienen. Wie ein leitender Google-Angestellter kürzlich zugab, generiert Google News 100 Millionen US-Dollar an Werbeeinnahmen für Google allein; die Zeitungsunternehmen, deren Arbeit auf diesen Seiten erscheint, erhalten davon nicht einen einzigen Cent (3).

Die Feindseligkeit von Google gegenüber Verlagen und anderen Produzenten von Inhalt erstreckt sich auch auf andere Bereiche. Beispielsweise missachtet Google das Automated Content Access Protocol (ACAP), eine von WAN, der International Publishers Association, dem European Publishers Council und mehreren anderen Organisationen geleitete gemeinsame Initiative zur Entwicklung einer Web-Crawling-Technologie, die es Online-Verlagen ermöglichen soll, mehr Kontrolle über den von ihnen ins Internet gestellten Inhalt beizubehalten. Seine fortwährende und offensichtliche Missachtung von Urheberrechten hat zu zahlreichen Verletzungsklagen gegen Google im Zusammenhang mit YouTube und zu vielen weiteren Verletzungsklagen im Zusammenhang mit Google Book Search geführt. Zusammenfassend wird darauf hingewiesen, dass eine weitere Stärkung der Marktdominanz von Google im Bereich Suchmaschinen und Werbeanzeigen, die eine solche Vereinbarung mit Yahoo zwangsläufig mit sich bringen wird, für alle Produzenten von Inhalten und letztendlich für die Öffentlichkeit abträglich sein wird.

Seit über einem halben Jahrhundert wird die Mission von W.A.N. von der Erkenntnis geleitet, dass die journalistische Integrität und wirtschaftliche Unabhängigkeit zwei Seiten derselben Münze sind. Die Pressefreiheit ist zu wichtig, um sie in die Hände eines einzigen Unternehmens zu legen. Zwar sind die Zeitungen für einen bedeutenden Teil ihrer Online-Werbeeinnahmen auf Google angewiesen, doch sind wir noch mehr davon abhängig, dass robuste Google-Konkurrenten die Macht von Google einschränken.

Die Google/Yahoo-Vereinbarung würde einem Ende dieses Wettbewerbs gleichkommen und das Überleben und die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Zeitungsverlagswesens weiter schwächen. Wir müssen jetzt unsere Meinung kundtun und die Behörden dazu bewegen, diese unlautere Wettbewerbsvereinbarung zu unterbinden.

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