Zeitungsauflage steigt trotz Konjunkturflaute

 

 

Im Jahr 2008 hat sich die Zeitungsauflage trotz der Konjunkturkrise weltweit um 1,3 Prozent erhöht. Mit dieser Feststellung widersprach Gavin O’Reilly, der Präsident des Weltverbands der Zeitungen (WAN), am Mittwoch den „irreführenden“ Prognosen über das bevorstehende Ableben der Zeitungen.

 

„Fakt ist ganz einfach, dass sich die gedruckten Zeitungen weltweit steigender Leserzahlen erfreuen“, sagte O’Reilly, der auch Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Independent News and Media ist.

„Man könnte jetzt einwenden, dieses Wachstum finde in den Entwicklungsländern statt und verschleiere den anhaltenden Abwärtstrend in den Industrienationen. Das trifft zwar in gewissem Masse zu, ist aber nicht die ganze Wahrheit, denn die Zeitungsunternehmen in diesen Ländern sind dabei, ihre Reichweite mit Hilfe der Digitalisierung zu steigern“, sagte O’Reilly in seiner Eröffnungsrede auf der vom WAN organisierten Konferenz „Die Kraft des gedruckten Wortes“ in Barcelona.

Den Tod der Zeitungen vorherzusagen, sei anscheinend ein neuer Volkssport geworden, sagte O’Reilly.

„Dass diese Schwarzmalerei grösstenteils ohne Widerspruch bleibt, ist für mich der bizarrste Fall vorsätzlicher Selbstverstümmelung in der gesamten Branchengeschichte. Und diese Entwicklung geht zügig weiter; viele überlegen gar nicht, was sie reden, sondern fallen einfach in den Chor derer ein, die behaupten, die Zukunft heisse Internet, Internet, Internet, und alles andere so gut wie ausschliessen. Das ist ein Fehler. Damit wird eine ziemlich komplexe Sache viel zu sehr vereinfacht.“

O’Reilly sagte ferner, dass
-  1,9 Milliarden Menschen täglich eine bezahlte Tagszeitung läsen;

-  die Zeitungen 41 Prozent mehr Erwachsene erreichten als das Internet;

-  mehr Erwachsene pro Tag eine Zeitung läsen, als Menschen pro Jahr einen Big Mac ässen.

„Es mag zwar stimmen, dass die Zeitung in manchen Regionen nicht gerade einen Boom erlebt, aber sie ist weiterhin ein massgebliches globales Massenmedium, das mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung erreicht“, sagte O’Reilly. „Wenn wir also eine schrumpfende Branche sein sollen, so mutet der Gebrauch des Wortes „schrumpfend“ seltsam an. Wir sind ein Wirtschaftszweig mit weltweit enormer Reichweite und enormen Umsatzerlösen.“

Zwar hätten die Zeitungserlöse unverkennbar schwer unter der Finanzkrise gelitten, aber eben nicht stärker als die Umsätze anderer Branchen auch. „Das soll nicht von der ernsten, ja sehr ernsten Lage ablenken, aber es ist und bleibt eine Tatsache, dass die Unternehmen in den anderen wichtigen Branchen ebenso betroffen sind wie die grossen Medienhäuser.“

O’Reilly stützte sich bei seiner Rede im Wesentlichen auf vorläufige Zahlen aus dem Jahresbericht „World Press Trends“ des WAN, dessen aktuelle Ausgabe nächsten Monat erscheint. Aus dem Bericht geht unter anderem Folgendes hervor:

-  Die Zeitungsauflage wuchs im Jahr 2008 um 1,3 Prozent auf knapp 540 Millionen Exemplare täglich. Damit ist sie in den letzten fünf Jahren um 8,8 Prozent gestiegen. Unter Einrechnung der Gratiszeitungen ergibt sich eine Zunahme von 1,62 Prozent im Jahr 2008 und 13 Prozent in den letzten fünf Jahren. Der grösste Markt für Gratiszeitungen ist Europa; dort waren im vergangenen Jahr 23 Prozent der Tageszeitungen kostenlos.

-  Regional legte die Auflage in Afrika 6,9 Prozent, in Südamerika 1,8 Prozent und in Asien 2,9 Prozent zu. Einen Rückgang verzeichneten Nordamerika (3,7 Prozent), Australien und Ozeanien (2,5 Prozent) und Europa (1,8 Prozent). Allerdings ist die Reichweite der Zeitung auf vielen gesättigten Märkten mit rückläufigen Auflagenzahlen weiterhin hoch. In vielen Ländern Europas erreichen allein die Bezahlzeitungen nach wie vor über 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. In Japan sind es 91 Prozent, in Nordamerika 62 Prozent.

-  Das Auflagenwachstum entsteht nicht nur in den Schwellenländern wie China und Indien. Vielmehr waren im Jahr 2008 in 38 Prozent aller Länder und in den letzten fünf Jahren sogar in 58 Prozent aller Länder Auflagengewinne zu verzeichnen.

-  Die Presse musste 2008 zwar einen Rückgang der Anzeigenerlöse um 5 Prozent hinnehmen, vereinigt aber immer noch 37 Prozent aller weltweiten Werbeausgaben auf sich.

-  Die Auswirkungen der digitalen Revolution sind zwar weltweit spürbar, aber nicht überall gleich. Am stärksten betroffen sind die USA und Grossbritannien; 38 Prozent der im europäischen Digitalgeschäft erzielten Umsatzerlöse entfallen auf Grossbritannien. Die USA vereinigen 62 Prozent des weltweiten Digitalumsatzes auf sich.

-  In den USA stieg die Anzahl der Zeitungsleser bei gedruckten und Internetausgaben zusammengenommen um 8 Prozent. Von den Internetlesern wenden 52 Prozent genauso viel Zeit für das Lesen auf wie zuvor, 35 Prozent lesen insgesamt mehr Zeitung und 81 Prozent der Onlineleser gaben an, sie hätten in derselben Woche eine gedruckte Zeitung gelesen.

Die Auflagenverluste werden O’Reilly zufolge zwar pauschal dem Internet zugeschrieben, aber so einfach sei es nachweislich nicht. „Wie kommt es, dass etwas so Vielschichtiges wie der Medienkonsum immer auf einen Wettstreit zwischen Presse und Internet reduziert wird? Wieso muss es immer nur ein Entweder-oder geben? Könnte es denn nicht sein, dass der Verbraucher mehrere Aufgaben gleichzeitig meistern, mehrere Medien gleichzeitig nutzen kann und nicht zwangsläufig auf das Internet beschränkt ist? Das Internet stellt für die Zeitungsverlage mit ihrem beispiellosen und hochwertigen inhaltlichen Vermögen nach wie vor eine enorme Chance dar.“

Auf den Konferenzen „Die Kraft des gedruckten Wortes“ und „Anzeigen und Werbung“ in Barcelona trafen sich mehrere hundert Führungskräfte der Zeitungswirtschaft aus 50 Ländern zum Gedankenaustausch über zukunftsträchtige Unternehmensstrategien. Ausführliche Berichte unter www.wan-press.org.

Der in Paris ansässige Weltverband der Zeitungen setzt sich weltweit für die Pressefreiheit sowie für die fachlichen und wirtschaftlichen Interessen der Zeitungsverlage ein. Als globale Organisation der Zeitungswirtschaft vertritt er 18.000 Zeitungen. Ihm sind 77 nationale Zeitungsverbände, 12 Nachrichtenagenturen, 11 regionale und internationale Presseverbände sowie Zeitungsunternehmen und Führungskräfte der Zeitungen in 122 Ländern angeschlossen.

Auskunft erteilt: Larry Kilman, Director of Communications, WAN, 7 rue Geoffroy St Hilaire, 75005 Paris, Frankreich; Tel.: +33 1 47 42 85 00, Fax: +33 1 47 42 49 48, Mobiltel.: +33 6 10 28 97 36; E-Mail: lkilman@wan.asso.fr.

© 2004 World Association of Newspapers - All Rights Reserved - Contact WAN.
Please send all technical comments regarding this site to our Webmaster