James Miller, der freiberuflich tätige britische Journalist, am Tag bevor er im Flüchtlingslager Rafah im Gazastreifen getötet wurde.

James Millers Geschichte

John Sweeney, BBC-Reporter, arbeitete mit James Miller in Tschetschenien, im Kosovo und in Simbabwe zusammen. James brachte seinen Kindern das Surfen bei. Diesen Artikel hat Sweeney für den Weltverband der Zeitungen geschrieben.

Es war der 2. Mai 2003, als sich James Miller und zwei Kollegen mit einer weissen Fahne einem israelischen Panzerfahrzeug näherten. Obwohl James, vielleicht der beste Fernseh-Dokumentarfilmer seiner Generation, die Fahne noch zusätzlich in das Licht einer Taschenlampe tauchte und seine Kollegin rief: „Wir sind britische Journalisten“, wurde James erschossen.

Zwei Jahre nach dem Vorfall hat die israelische Regierung jetzt bekannt gegeben, dass der Offizier, der die tödlichen Schüsse abgab, allein wegen Verstosses gegen die Einsatzvorschriften angeklagt werden soll. Millers Witwe Sophy hat diese Entscheidung als „empörend“ bezeichnet. Vor seinem Tod hatte sich James schon über zwei Wochen in Rafah aufgehalten, dem vielleicht gefährlichsten Ort des Gazastreifens. Während dieser Zeit wohnte er zumeist in einem Privathaus, das bei den israelischen Verteidigungskräften (IDF) als „Journalistenhaus“ bekannt war. Am letzten Abend der Filmaufnahmen hatten die Israelis hauptsächlich oder ausschliesslich von gepanzerten Mannschaftswagen aus palästinensische Ziele unter Feuer genommen.

Es folgte lang anhaltende Stille. James liess die Kamera weiterlaufen. Die Soldaten in den Mannschaftstransportern riefen ihm und seiner Reporterin Saira Shah (James hatte mit ihr zusammen zwei ausserordentlich erfolgreiche, vielfach ausgezeichnete Filme in Afghanistan gedreht) etwas zu, allerdings nicht auf Hebräisch, sondern auf Arabisch. Dem Vernehmen nach gehörten die Soldaten der beduinischen Wüstenpatrouilleneinheit an. Dabei handelt es sich nicht um nervöse israelische Reservisten, sondern um kampferprobte arabische Freiwillige, die von den Israelis bezahlt werden und schon seit langem in Rafah Dienst tun.

„Mögt ihr Fairuz?“ (eine libanesische Folkloresängerin) und „Habt ihr Parfüm aufgetragen?“ (eine Wendung aus einer Serienkomödie des ägyptischen Fernsehens) fragten die Beduinen. Die Worte waren so direkt, dass Saira Shah zunächst dachte, die Soldaten stünden vielleicht unter Drogeneinfluss. Neben James‘ Kamera lief noch eine zweite mit, nämlich die eines freiberuflich für Associated Press TV News (APTN) arbeitenden palästinensischen Korrespondenten.

Die Fahrer der zwei Mannschaftstransporter schalteten den Motor aus und löschten das Licht - ein alter Soldatentrick, weil sich die natürliche Sehfähigkeit dann drastisch verbessert. Ausserdem verfügen die IDF dank amerikanischer Militärhilfe über einige der besten Nachtsichtgeräte der Welt. Die Bewaffnung der in Rafah eingesetzten gepanzerten Mannschaftstransporter besteht in der Regel aus zwei Maschinengewehren, die mit Nachtsichtgeräten der Marke Aquila ausgerüstet sind. Diese Geräte können das vorhandene Restlicht um das Vierfache verstärken. James und sein Team sassen auf einer hell erleuchteten Veranda. Die Soldaten in dem Transporter konnten sie aus der Dunkelheit heraus und mit Hilfe ihrer Nachtsichtgeräte klar und deutlich erkennen.

Uns wurde eine Fassung des geheimen Einsatzberichts der IDF über den Tod von James zugespielt. Daraus geht hervor, dass nach einigen Schüssen wieder Stille herrschte.

James hatte gehofft, filmisch dokumentieren zu können, wie die Israelis eines der verlassenen Häuser am Rande des Todesstreifens in die Luft sprengen würden, doch es schien so, als hätten die IDF die Arbeit an jenem Abend vorerst eingestellt. Das Kamerateam beschloss daher, das Haus, in dem es sich für die Dreharbeiten aufhielt, zu verlassen und in seine (wesentlich sicherere) Wohnung im Zentrum Rafahs zurückzukehren. Es war der letzte Tag der Filmaufnahmen.

James und Saira sowie ihr einheimischer Fixierer Aboud entschieden sich, offen und direkt auf die Transporter zuzugehen und ungehinderten Durchlass erbitten. Sie riefen den Soldaten in Englisch und Arabisch zu. Saria hielt einen britischen Reisepass und Aboud eine von James mit dem Licht einer Taschenlampe angestrahlte weisse Fahne in die Höhe. Von der Veranda aus nahm der APTN-Kameramann die Situation auf. Auf der Tonspur ist zu hören, dass absolute Stille herrschte. Hätte es Schüsse gegeben, wären die drei das Risiko nicht eingegangen.

Sie waren ungefähr 20 Meter von der Veranda entfernt, als der erste Schuss fiel. Sie blieben sofort stehen. In die folgenden dreizehn Sekunden der Stille hinein rief Saira: „Wir sind britische Journalisten!“ Dann fiel der zweite Schuss, der James vorn in den Hals traf. Einem Gerichtsmediziner zufolge wurde die Kugel, ein israelisches Fabrikat, aus weniger als 200 Metern Entfernung abgefeuert. Unmittelbar nach den Schüssen teilten die IDF mit, James sei im Kreuzfeuer von hinten getroffen worden. Diese unzutreffende Darstellung zogen sie später zurück. Nach Aussage aller Zeugen, die nicht den IDF angehören, hat es keinerlei Kreuzfeuer gegeben. Auch in den APTN-Aufnahmen ist nichts dergleichen zu hören.

Zwei Jahre nach den Schüssen haben die IDF nunmehr bekannt gegeben, dass der für James‘ Tod verantwortliche israelische Offizier, dessen Name nicht genannt wurde, geschossen habe, weil er anderthalb Stunden zuvor einen Terroristen mit einer Kalaschnikow gesehen habe. Der Offizier räumte zudem ein, es habe eine halbe Stunde lang Stille geherrscht, bevor er das Feuer eröffnet habe. Er machte geltend, er habe James nicht gesehen, so dass der Vorgang wie ein Unfall erscheint. Sophy Miller zufolge will die Familie gegen die israelische Armee

Schadenersatzklage einreichen und die Entscheidung, den Todesschützen nicht wegen Mordes anzuklagen, gerichtlich überprüfen lassen. „Jemanden zwei Jahre warten zu lassen, nur um ihn dann ergebnislos abzuspeisen, ist empörend“, sagte sie.

„Man hat es so dargestellt, als ob man nichts unversucht gelassen habe, die Wahrheit zu ermitteln, aber man hat am Abend von James‘ Tod nicht einmal die Beweise gesichert.“ Die Familie Miller bezeichnet James‘ Tod als Mord und wirft der Armee vor, sie habe die Beweisfindung hintertrieben, Beweise ignoriert oder Beweise vernichtet.

So seien die Soldaten in dem Transportfahrzeug erst 11 Wochen nach dem Vorfall aufgefordert worden, ihre Waffen zur Kontrolle abzugeben. Zudem gebe es Belege dafür, dass die Waffen ausgetauscht worden seien. Nach den Worten der IDF sind schwerer wiegende Vorwürfe gegen den Soldaten nicht möglich, weil es an ballistischen Beweisen fehle.

„An dem Abend von James‘ Tod wusste eine ganze Einheit der Armee, wer ihn getötet hat. Hätte man ernsthaft die Wahrheit herausfinden wollen, so wären die Waffen schon an jenem Abend und nicht erst einen Monat später eingezogen worden“, sagte Sophy Miller.

„Und wenn jetzt behauptet wird, man könne keine Anklage erheben, weil die ballistischen Daten nicht passten, was schliessen Sie dann daraus?“ Bei einem Treffen mit der Familie Miller in Tel Aviv musste der Generalanwalt, Brigadegeneral Avichai Mandelblit, einräumen, dass der Bericht des Leutnants Ungereimtheiten aufweise und den Soldaten die Anwesenheit von Journalisten bekannt gewesen sei. Zugleich sagte er aber auch, die Armee werde Disziplinarmassnahmen gegen den Leutnant nur wegen Verstosses gegen die Einsatzvorschriften und „wegen seines Verhaltens während der Ermittlungen“ ergreifen. Letzteres könnte bedeuten, dass der Todesschütze die ermittelnden Stellen belogen hat.

Sophy Miller zufolge haben die Ermittler der Armee den starken Verdacht geäussert, dass der Leutnant sich der gesetzwidrigen Tötung ihres Ehemannes schuldig gemacht habe. „Wir haben immer noch Anklagevertreter, die einen befehlshabenden Offizier verdächtigen und weiter verdächtigen, aber wegen anfänglich fehlerhafter Ermittlungen lediglich Disziplinarmassnahmen ergreifen werden.“

Ein Team der BBC, das Recherchen über James‘ Tod anstellte, führte einem im aktiven Dienst stehenden israelischen Soldaten den APTN-Film vor. Der Soldat stellte fest, das Fernsehteam habe nicht wie islamische Terroristen ausgesehen, und gelangte zu dem Schluss: „Das ist Mord“.

 

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