In diesem Teil finden Sie bis auf das Jahr 1998 zurückgehende Fallbeispiele zu Straffreiheit. Diese Fälle stellen nur einen Bruchteil von Hunderten ungesühnter Morde dar, die in den letzten zehn Jahren an Journalisten verübt worden sind.

  Bangladesch: Dipankar Chakrabarty, ermordet am 2. Oktober 2004
Dipankar Chakrabarty (59), Herausgeber der Tageszeitung „Durjoy Bangla“ und Vizepräsident des Bundesverbandes der Journalisten Bangladeshs, wurde am 2. Oktober 2004 kurz nach Mitternacht auf dem Weg von der Arbeit nach Hause erschlagen. Nachbarn hörten seine Schreie und den Lärm davonrasender Motorräder. Einer der Nachbarn fand auf der Straße dann den enthaupteten Leichnam Chakrabartys. Kurz darauf wurden ein Sack und ein Handtuch entdeckt, den bzw. das die Täter offenbar zurückgelassen hatten. Die Polizei schreibt den brutalen Mord Berufskillern zu, hat bislang aber weder ein Tatmotiv noch Verdächtige ermitteln können. Chakrabarty hatte der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ mitgeteilt, er werde wegen einiger Artikel über Verbrecherbanden in Sherpur bedroht, die unter dem Schutz dort ansässiger Politiker stünden. Die Inlandszeitungen Bangladeschs erschienen für drei Tage nach dem Mord an Chakrabarty mit unbedruckter Titelseite, um so ihrem Protest gegen die Tat und ihrer Forderung nach Verhaftung der Täter binnen 72 Stunden Ausdruck zu verleihen. Dennoch haben die Behörden bislang keinerlei Festnahmen oder Entwicklungen bekannt gegeben.
  Belgrad: Slavko Curuvija, ermordet am 11. April 1999
Slavko Curuvija, Verleger der Zeitungen „Daily Telegraph“ und „European“, wurde am 11. April 1999 in seiner Heimatstadt Belgrad erschossen. Gegen beide Zeitungen waren Strafen verhängt worden, weil sie die Regierung Milosevic unverblümt kritisiert hatten. Im Dezember 1998 hatte Curuvija vor dem Helsinki-Ausschuss des US-Kongresses als Zeuge über die Herrschaft Milosevics ausgesagt. Nach seiner Rückkehr wurde Curuvija wegen „Verbreitung von Unwahrheiten“ zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Sechs Tage vor dem Mord beschuldigte die regierungsnahe Zeitung „Politika Express“ Curuvija, er habe die NATO zur Bombardierung Jugoslawiens gedrängt, und schrieb, man werde Leuten wie ihn nicht vergessen und ihnen auch nicht vergeben. Curuvija und seine Freundin Branka Prpa wurden in einer Gasse überfallen, die zu ihrer gemeinsamen Wohnung in der Belgrader Innenstadt führt. Die Täter schlugen Frau Prpa von hinten mit einer Pistole nieder und schossen Curuvija mehrmals in den Kopf. Zwei schwarz gekleidete Männer mit Gesichtsmasken war alles, was Frau Prpa erkennen konnte. Der Journalist Dusan Velickovic, ein Kollege Curuvijas, veröffentlichte einen ihm zugespielten Bericht der jugoslawischen Staatspolizei, in dem ausführlich die Überwachung eines „Zielobjekts“ in den Stunden vor Curuvijas Ermordung beschrieben wird. Alexandar Tijanic, früherer Kolumnist des „Daily Telegraph“, sagte in einem Interview, Curuvija habe mächtige Feinde gehabt. Die Täter sind nach wie vor unbekannt. Auch Ermittlungen wurden bislang keine aufgenommen.
  den Philippinen:Edgar Damalerio, ermordet am 13. Mai 2002
Edgar Damalerio, geschäftsführender Redakteur der Wochenzeitung „Zamboanga Scribe“ und Moderator beim Rundfunksender DXKP auf der Insel Mindanao, wurde am 13. Mai 2002 auf dem Weg von einer Pressekonferenz in Pagadian City zu seinem Haus von einem Unbekannten in die Brust geschossen. Der Täter konnte fliehen. Damalerio starb bei der Ankunft im Krankenhaus. Am 19. April 2002 hatte er in der Zeitung „Mindanao Gold Star“ geschrieben, der Stromversorger Lanao del Sur habe während der Amtszeit des früheren philippinischen Präsidenten Fidel Ramos keines seiner Projekte verwirklicht und fälschlicherweise das Gegenteil behauptet. Am 17. Mai des letzten Jahres wurde der Polizeibeamte Guillermo Wapille von Angehörigen der philippinischen Bundespolizei verhaftet. Er wurde von zwei Zeugen identifiziert, die während des Anschlags mit Damalerio zusammen waren. Wapille konnte jedoch aus Polizeigewahrsam fliehen und ist heute, zwei Jahre nach der Tat, immer noch auf freiem Fuss. Einer der Zeugen wurde vor kurzem umgebracht, obwohl er besonderen Zeugenschutz genoss. Damalerios Witwe Gemma hält sich aus Furcht, der Mörder ihres Mannes könne auch sie zur Zielscheibe nehmen, nach wie vor versteckt.
  Indonesien: Sander Thoenes, ermordet am 21. September 1999
Sander Thoenes, ein für die Zeitungen „Financial Times“ und „Christian Science Monitor“ tätiger niederländischer Journalist, kam bei einem Arbeitseinsatz während der Landung der UN-Friedenstruppen in der Stadt Dili am 21. September 1999 ums Leben. Thoenes war als Beifahrer auf einem Motorrad unterwegs in die Region Becora in Osttimor, in der die Unabhängigkeitsbestrebungen besonders stark sind. Thoenes und sein Fahrer trafen auf das Miliz-Bataillon 745, das sich wegen der Ankunft von unter australischem Kommando stehenden UN-Friedenstruppen gerade aus der Stadt zurückzog. Die Milizionäre schossen auf das Motorrad, und Thoenes fiel herunter. Der Fahrer konnte entkommen. Am 22. September wurde Thoenes von Soldaten der Friedenstruppen tot aufgefunden. Der Leichnam wies eine Schusswunde im Rücken, mehrere Schnittverletzungen im Gesicht und andere Spuren schwerer Folter auf; unter anderem hatte man Thoenes das linke Ohr abgeschnitten. In einem Untersuchungsbericht der UN-Truppen in Osttimor heisst es, Thoenes sei höchstwahrscheinlich von Angehörigen des Bataillons 745 ermordet worden. Niederländische Untersuchungsbeamte gelangten in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass der Leutnant Camilo dos Santos vom Bataillon 745 Thoenes in den Rücken geschossen habe, als dieser nach dem Sturz vom Motorrad auf der Seite lag. Trotz erdrückender Beweise und Zeugenaussagen legte der indonesische Generalstaatsanwalt den Fall am 19. Juni 2002 mit der Begründung, die Beweise reichten für eine Anklage nicht aus und die Hauptzeugen seien unzuverlässig, zu den Akten. Die niederländische Regierung legte zwar offiziell Protest ein, doch Thoenes‘ Mörder befinden sich immer noch auf freiem Fuss.
  Kanada: Tara Singh Hayer, ermordet am 18. November 1998
Tara Singh Hayer, Herausgeber der in pandschabischer Sprache erscheinenden Zeitung „Indo-Canadian Times“, wurde am 18. November 1998 in seiner Garage in der Ortschaft Surrey im kanadischen Bundesstaat British Columbia erschossen. Zehn Jahre zuvor war Hayer schon einmal Ziel eines Attentats gewesen; er überlebte zwar, blieb aber teilweise gelähmt. Trotz anhaltender Morddrohungen setzte Hayer seine Arbeit fort. Er war ein erklärter Kritiker fundamentalistischer Bewegungen der Sikhs sowohl in Indien als auch im Ausland und warb unermüdlich für mehr interkulturelles Verständnis. Die kanadischen Behörden haben bislang noch keine Verdächtigen ermitteln können, doch es wird gemutmasst, dass ein Zusammenhang zwischen dem Fall Hayer und Morden an anderen erklärten Kritikern extremer Sikh-Organisationen besteht. Hayer hätte kurze Zeit später als Zeuge in einem Verfahren wegen eines Bombenanschlags auf die indische Fluggesellschaft Air India aussagen sollen.
  Philippinen: Gene Boyd Lumawag, ermordet am 12. November, 2004
Gene Boyd Lumawag (26), Fotoredakteur bei der Zeitung „MindaNews“, wurde am 12. November 2004 von einem Unbekannten auf offener Straße in der Stadt Jolo erschossen. Er hatte Fotos vom Sonnenuntergang am nahe gelegenen Jachthafen gemacht und befand sich auf dem Rückweg zu seinem Hotel. Wenige Tage später wurde eine Sonderkommission gebildet, und schon am 17. November wurden aufgrund der Aussage eines Tatzeugen die zwei verdächtigen Brüder Omar und Iting Sailani festgenommen. Kollegen Lumawags bei „MindaNews“ äußerten die Vermutung, Lumawag habe in Jolo zusammen mit einem Journalisten von der Insel Mindanao, der bei dem Mord nicht anwesend war, in einer Korruptionsaffäre recherchiert. Obwohl die Gebrüder Sailani wegen ihrer Zugehörigkeit zu der in Jolo beheimateten islamistischen Separatistengruppe Abu Sayyaf, die noch für andere Anschläge und Entführungen verantwortlich zeichnet, angeblich auf der Liste der meistgesuchten Personen stehen, konnte bislang noch kein Tatmotiv ermittelt werden. Auch eine offizielle Anklageerhebung gegen die mutmaßlichen Täter lässt weiter auf sich warten.
  Sierra Leone: Kurt Schork, ermordet am 24. Mai 2000
Kurt Schork, ltgedienter Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters, wurde am 24. Mai 2000 von Rebellen der „Vereinigten Revolutionären Front“ aus dem Hinterhalt überfallen und getötet. Schork hatte sich einen Namen als Kriegsberichterstatter gemacht. Der ehemalige Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, Richard Holbrook, sagte über Schork: „Kurt Schork war einer der mutigsten, klügsten und besten Journalisten, mit denen ich in den vergangenen 35 Jahren zusammengearbeitet habe. Er irrte sich fast nie. Er liess keine Voreingenommenheit erkennen. So schlimm die Lage auch sein mochte, er war immer gut gelaunt. Er war überzeugt davon, dass Journalisten für das Gute in der Welt wirken könnten, wenn sie das schrieben, was aus ihrer Sicht der Wahrheit entsprach." Schorks Familie hat in Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Reuters einen Gedenkfonds errichtet, aus dessen Mitteln einmal jährlich die Leistungen inländischer und freiberuflich tätiger Journalisten gewürdigt werden. Nach Kurt Schorks Mördern ist nie ernsthaft gefahndet, geschweige denn sind sie vor Gericht gestellt worden
  Weissrussland: Dimitri Sawadsky, ermordet zwischen dem 7. Juli und dem 28. November 2000
Dimitri Sawadsky, Kameramann beim russischen Fernsehsender ORT, war am 7. Juli am Flughaften Minsk verschleppt worden und wurde am 28. November 2000 für tot erklärt. Sawadsky arbeitete früher als offizieller Kameramann von Präsident Alexander Lukaschenko und war als vermisst gemeldet worden, nachdem er zu einer Verabredung mit seinem ORT-Kollegen und Freund Pavel Sheremet am Flughafen Minsk nicht erschienen war. Sheremet und Sawadsky hatten kurz zuvor in Tschetschenien die Dokumentation „Die tschetschenischen Tagebücher“ über den dort herrschenden Krieg abgedreht. Nach ihrer Rückkehr nach Weißrussland erhielt Sawadsky Drohanrufe von einem Unbekannten, der sich unbedingt mit ihm treffen wollte. Am Tag seines spurlosen Verschwindens war Sawadsky kurz vor Sheremets Ankunft im Flughafen gesehen worden; sein Auto wurde später auf dem Flughafenparkplatz gefunden. Am 16. Juli 2002 wurden der frühere Chef der Sondereinheiten des Innenministeriums, Valeri Ignatowitsch, und einer seiner Untergebenen, Maxim Malik, vor dem obersten Gericht Weißrusslands wegen Entführung des jungen Kameramanns angeklagt. Die Staatsanwaltschaft beantragte lebenslange Haft. Das Verfahren fand jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zudem wurde nicht untersucht, was mit dem Journalisten nach seinem Verschwinden geschehen war. Am 10. Dezember 2003, als der Untersuchungsausschuss des Europäische Rates in seinem Menschenrechtsbericht mitteilte, dass vermutlich hochrangige Regierungsvertreter in den Fall verwickelt seien, kündigte die Staatsanwaltschaft die Wiederaufnahme des Verfahrens an. Über weitere Untersuchungen ist nichts bekannt. Trotz neuer Entwicklungen im Gefolge einer Pressekonferenz Lukaschenkos am 20. Juli 2004 hat die Staatsanwaltschaft die Anträge der Familie Sawadskys auf Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt.
 

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