Im Vorfeld der Parlamentswahl in Aserbaidschan am 7. November haben neun
Nichtregierungsorganisationen einen neuen Bericht mit dem Titel Free Expression under Attack:
Azerbaijan's Deteriorating Media Environment (Angriffe auf die Meinungsfreiheit:
Verschlechterung des Medienumfelds in Aserbaidschan) veröffentlicht. Die in dem
Bericht dokumentierten Erkenntnisse wurden im Rahmen einer Untersuchungsmission
des NGO-Bündnisses gewonnen. Vertreter der neun Organisationen reisten im
September 2010 in das Land, um sich über die Lage der Meinungsfreiheit zu
informieren. Die Ergebnisse ihrer Recherchen machen deutlich, dass die
aserbaidschanische Regierung ihren internationalen Verpflichtungen zur
Förderung und zum Schutz der freien Meinungsäußerung nicht nachkommt.
,,Diejenigen, die in Aserbaidschan Journalisten angreifen oder schikanieren,
tun dies in dem Wissen, dass sie straffrei ausgehen. Die Tatsache, dass die
Behörden keine gründlichen Ermittlungen zur Aufklärung der Verbrechen
durchführen, trägt erheblich zum derzeit herrschenden Klima der Angst und
Einschüchterung bei", erklärte Agnes Callamard, geschäftsführender Direktor von ARTICLE 19.
Die zunehmende Einschränkung der freien Meinungsäußerung in Aserbaidschan
ist das Resultat von besorgniserregenden Entwicklungen, darunter die anhaltende
Praxis, Journalisten und Blogger aufgrund von kritischen Meinungsäußerungen zu
inhaftieren; die permanenten gewaltsamen Übergriffe
gegen Journalisten, bei denen die Täter straffrei bleiben; sowie der
Fortbestand der strafrechtlichen Bestimmungen zu Verleumdung und Beleidigung? im
aserbaidschanischen Recht. Diese Entwicklungen sind gerade im Vorfeld der für
den 7. November 2010 geplanten Parlamentswahl äußerst beunruhigend.
,,Es gibt wenige Anzeichen - wenn überhaupt - für die Entstehung einer
freien Presse, die ein wesentliches Fundament einer jeden demokratischen
Gesellschaft ist", sagte Rodrigo Bonilla, Koordinator der Mission beim Weltverband der Zeitungen und
Nachrichtenmedien (WAN-IFRA). ,,Stattdessen versucht eine Handvoll unabhängiger
Medien, in einem allgegenwärtigen Klima der Einschüchterung und Angst zu
überleben, finanziell angeschlagen und mit unbedeutenden Leserzahlen. Es sind
dringend drastische Reformen erforderlich", so Bonilla weiter.
Ein Redakteur, der mit den NGO-Vertretern sprach, berichtete, dass er
mittlerweile nicht mehr sagen könne, wie oft er schon bedroht oder angegriffen
worden sei. Ein weiterer Journalist erklärte, ,,das Leben jedes Bürgers oder
Journalisten, der Freiheit beansprucht, ist ständig bedroht". In den Regionen
außerhalb der Hauptstadt ist die Situation für Journalisten noch gravierender.
Sie sind regelmäßig Gewalt und Drohungen ausgesetzt und die meisten Fälle
werden nicht gemeldet.
,,Die aserbaidschanischen Journalisten und Blogger,
die ihr Bestes geben, um ihre Mitbürger mit Informationen zu versorgen - ohne
sich in Selbstzensur zu üben - stehen im Kampf für Meinungsfreiheit ganz
vorne. Die internationale Staatengemeinschaft muss sie unterstützen. Es
steht Entscheidendes auf dem Spiel: die Zukunft des Landes
- seine politische und wirtschaftliche Entwicklung", sagte
Lucie Morillon, Leiterin des Referates "Neue Medien" bei Reporter
ohne Grenzen.
,,Bemühungen um den Aufbau des nötigen Umfeldes für eine glaubwürdige und
professionelle journalistische Arbeit werden systematisch untergraben - durch
politische Einmischung und Kontrolle über die Medien, katastrophale
Arbeitsbedingungen und einen grundsätzlichen Mangel an Wertschätzung für die
Rolle eines unabhängigen Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft",
erklärte Oliver Money-Kyrle, Stellvertretender Generalsekretär der
Internationalen Journalisten-Föderation IJF.
Der Bericht beinhaltet auch die Empfehlungen des NGO-Bündnisses an die
aserbaidschanischen Behörden, im Land konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der
Meinungsfreiheit einzuleiten. Dazu zählt die Untersuchung und Verfolgung aller
Gewaltakte gegen Journalisten, die sofortige und bedingungslose Freilassung
aller derzeit inhaftierten Journalisten und Blogger sowie die
Entkriminalisierung von Delikten wie ,,Verleumdung" und ,,Beleidigung".
,,Die
Regierung sollte in Kooperation mit internationalen Organisationen,
zwischenstaatlichen Einrichtungen, örtlichen Medien und Bürgerrechtsgruppen
sofortige Maßnahmen einleiten, um unabhängige Medien zu stärken, das Klima der
Selbstzensur zu beenden und den Dialog zu fördern", erklärte Rovshan Bagirov
vom Open Society Institute Azerbaijan.
Der Bericht ist das Ergebnis eines Besuchs von Mitgliedern der
,,Internationalen Partnerschaftsgruppe für Aserbaidschan" vom 7. bis 9.
September in Aserbaidschan. Die NGO-Vertreter trafen mit Journalisten und
anderen Medienvertretern zusammen, sprachen mit Opfern von gewalttätigen
Übergriffen und Familienangehörigen inhaftierter Journalisten und kamen mit
Bürgerrechtlern und Regierungsvertretern zusammen.
Die neun Organisationen, die an der
gemeinschaftlichen Mission beteiligt waren, sind Mitglieder der
,,Internationalen Partnerschaftsgruppe für Aserbaidschan" und setzen sich aktiv
für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte ein. Der Allianz gehören
folgende Organisationen an: ARTICLE 19; Freedom House; Index on Censorship;
Internationale Journalisten-Föderation; Media Diversity Institute; Open Society
Foundations; Press Now; Reporter ohne Grenzen und der Weltverband der Zeitungen
und Nachrichtenmedien (WAN-IFRA).